Expose

 

Die Ausstellung will als Korrektiv in den schleichenden Prozess der DDR-Schönfärberei eingreifen und deutlich machen, dass die Fassetten einer Diktatur nicht nur mittels öffentlichkeitswirksamer und sichtbarer Repression darstellbar sind, sondern wesentlich differenzierter und umfassender in die Lebensgeschichten und den Alltag hineinwirkten. Die beiden Biographien, die in der Ausstellung vorgestellt werden, symbolisieren, aus späterer soziologischer Sicht, die Personengruppen, die als erste unpolitische, aber widerständige Wegbereiter für die Veränderungen in der DDR 1989 und 1990 stehen.

Die Ausstellung versteht sich als ein Beitrag zur Aufarbeitung von Diktaturen am Beispiel der SED-Diktatur und soll auch über das Jahr 2009 hinaus im schulischen und außerschulischen Kontext als Bildungsangebot Verwendung finden. Die Ausstellung wird vorerst in acht Städten in den alten und neuen Bundesländern von April 2009 bis Februar 2010 mit begleitenden Veranstaltungen gezeigt werden. Dazu gehören Tübingen, Berlin, Wiesbaden, Marburg und Frankfurt am Main.
Die Eröffnung der Ausstellung und ihre erste Präsentation fanden in Erfurt statt, im Thüringer Landtag.
Hauptförderer des Projekts war und ist die Bundeszentrale für politische Bildung.
Kooperationen liegen vor, bzw. Koordinationsinstitutionen sind: die TLSTU, LZPB Thüringen, BSTU Erfurt, die Böll-Stiftung Thüringen sowie die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Verein "Gegen Vergessen. Für Demokratie".

Das Erleben der Ausstellung wird als Teil der deutschen Geschichte dargestellt. In dem Erleben von Geschichte und Geschichten reiht sich die eigene Vergangenheit mit all ihren Variationen ein, also auch die Konflikte mit der Macht und der Repressionspolitik der SED-Diktatur, sowie das Partizipieren an und in der Gesellschaft. Ausschlaggebend dafür sind die zwei Biographien von Jugendlichen, Interviews mit ihren Müttern und einer DDR-spezifischen Gruppe Jugendlicher, die über einen Zeitraum von 12 Jahren in Fotoalben dargestellt sind. ( 4.800 Fotos)
Die erschlossenen Materialen sind ein Teil von Vorlässen in der entstehenden Dokumentations- und Medienstelle des Freiheit e.V., die sich als Gegenüberlieferung zu den Archivalien der SED-Diktatur verstehen. Die Herrschaftsüberlieferung wird gesondert dargestellt, indem Repressionsdokumente den Ego-Dokumenten bedachtsam zugeordnet werden.
Auch wird in dem Projekt die Verzahnung von erlebter Geschichte und den Repressionsmechanismen dargestellt und dokumentiert.

Mitte der 70er Jahre entwickelte sich am Rande der gesellschaftlich vorprogrammierten Jugendkultur, nicht nur in der ehemaligen DDR, sondern auch im Ostblock, eine eigene, selbständige Jugendkultur, die sich bis Anfang der 80er Jahre weiterentwickelte, sich Mitte der 80er Jahre ausdifferenzierte und in unterschiedlichen jugendkulturellen Spezifikas (1) darstellte.
Diese ANDERE Jugendkultur steht explizit in einer systemimmanenten Gegnerschaft zu der von den staatlichen Institutionen der DDR verordneten sozialistischen Jugendkultur. Diese Jugendkultur lebte und praktizierte ihren Ausdruck jenseits von der FDJ und den staatlichen Kulturbetrieb. Die Gegnerschaft ist systembedingt, da es nach Meinung der SED-Diktatur keine andere Jugendkultur als die sozialistische Jugendkultur der DDR geben konnte - da sie aber dennoch existierte, konnte sie ausnahmslos nicht sozialistisch sein- sondern antisozialistisch - also gegen den Sozialismus gerichtet.
Nicht nur in der Diktatur der SED waren Jugendpolitik und Kultur klarer Auftrag und unterlagen der Aufsicht verschiedener Jugendinstitutionen und so entwickelte sich erst am Rande und dann immer mehr auch im öffentlichen gesellschaftlichen Leben eine Jugendkultur, deren Protagonisten als Hippies, Blueser oder Tramper tituliert wurden. Die Grenzen sind hierbei nicht klar zu bezeichnen - wann begann jemand Hippie zu sein und wann Tramper, oder verstanden sie sich als Konglomerat aus all dem. Eines einte sie, sie wollten ANDERS sein und ANDERS leben.
Wesentlich ist hier, in welcher Weise systemimmanente prozessuale Gegebenheiten in die Entwicklungsprozesse eingriffen und wie sich diese gestalteten, um die Zusammenhänge vom Entstehen und den Auswirkungen einer Diktatur nach staatssozialistischem Muster zu verstehen. Von permanenter Bedeutung ist hier, in der Aufarbeitung der SED-Diktatur klare Differenzierungen vorzunehmen und somit die Demokratisierung Ostdeutschland voranzutreiben. Entwickelte Verhaltensmechanismen in Diktaturen enden nicht mit dem Abgang der Diktatur, sondern existieren und wirken nachhaltig in das zukünftige veränderte Wertesystem hinein. Dieser Aspekt soll gerade 2009 bei der Präsentation der Wanderausstellung und den damit verbundenen Veranstaltungen zum 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution eine wesentliche Rolle spielen. Es wird u. a. Bezug genommen auf die im „Thüringen-Monitor 2006" festgestellten Untersuchungsergebnisse, dass es eine zusätzliche Belastung für die Konsolidierung der Demokratie in Thüringen gibt, die mit einer retrospektiven Verklärung der DDR einhergeht.(2) Im Fazit ist zusammen gefasst: „Das darf im Blick auf die Festigung der Demokratie deshalb nicht gleichgültig lassen, weil „DDR-Nostalgie" mehr ist als eine beliebige Verklärung der Vergangenheit. Mit ihr werden politische Grundorientierungen tradiert und kultiviert, die großenteils einem demokratischen Verfassungsstaat nicht angemessen sind."(3)
Hier bietet die Ausstellung die Möglichkeit, der „DDR-Nostalgie" sachlich kompetente Zusammenhänge der Alltagsgeschichte mit ihrer schleichenden und permanent anwesenden Indoktrinierung gegenüber zu stellen. So kann unter anderem der Verklärung der Vergangenheit und dies nicht nur bezüglich der Aufarbeitung der SED-Diktatur, entgegengewirkt, und demokratische Werte vermittelt werden.

Gleichzeitig wird durch die Ausstellung ein Beitrag zum besseren Verständnis von Ost und West geleistet, da sich die gegenseitige Wissensvermittlung bisher noch als sehr unzureichend darstellt. Auch in der ehemaligen DDR wollte sich die Jugend ausprobieren, anders als die Eltern leben. Mittels einer spezifizierten Darstellung werden Gemeinsamkeiten nachdrücklich aufgezeigt und emotionale und intellektuelle Sinnzusammenhänge hergestellt. Da in diesem Projekt auch die Konsequenzen des Anders-Seins in der Diktatur adressatenorientiert aufgezeigt werden, wird eine Diskurs- und Dialogorientierte Auseinandersetzung über er- und gelebte und oder eben das Nichtvorhandensein von Demokratie angeregt.

Dies geschieht anhand von Alltag, Freizeit und Repression am Beispiel einer Gruppe in einer Zeitspanne von 10 Jahren und exemplarisch für viele Gruppierungen dieser Zeit am Beispiel der DDR-Diktatur. Es handelt sich um die Zeit von 1973 bis 1983. Die Protagonisten stellen sich in ihrem prägenden Entwicklungszeitraum dar, beginnend mit dem 16. und endend mit dem 26. Lebensjahr.

Der Fotograf dokumentierte nicht nur das „frohe Jugendleben", sondern bspw. sein alltägliches Leben in der Familie und auf Arbeit, aber auch die ständige Präsenz der deutschen Volkspolizei. Die Fotoalben stellen einen einzigartigen Fundus über den Zeitraum von 1973 bis 1985 dar. Der Fotograf hat sein erstes Album im Alter von 16 Jahren gestaltet, er blickt dabei in verkürzter Form auf die Zeit bis zu seiner Geburt 1957 zurück. Die folgenden Alben sind zeitnah, aus dem Erleben heraus entstanden.
Geht man von Thomas Overdick (4) aus, haben wir hier ein ethnologisches Auge, in dem die Visualisierung sozialer und kultureller Realitäten abgebildet und in einem bestimmt gewollten Verhältnis dargestellt werden. So haben wir durch die Alben die Möglichkeit das anschauliche Verstehen und die Autonomisierung des Sehens umzusetzen. Es liegt uns sozusagen eine virtuelle Konstruktion einer jugendlichen Gegenwelt in der staatssozialistischen Ära vor, einer Welt, die nicht den Jubelbildern der SED-Diktatur entspricht.
Es wurden Depositalien ausgesucht in Originalen wie: Ordnungsstrafen, Telegramme, Liebesbriefe, Briefe und Beschwerden, die unter anderem auch in den Alben als gestaltende Elemente eingesetzt wurden.
Durch die Unterlagen zu Peter Rein wird der Schriftwechsel mit dem Betrieb und den staatlichen Stellen dokumentiert. Hiermit wurde durch das erlangte zusätzliches Wissen um die Zusammenhänge ikonographisch und ikonologisch analysiert. Es lassen sich demzufolge zu vier verschiedenen Aspekten Erkenntnisse aufzeigen: Zur Realienkunde, zur Ereignisgeschichte, zur Kultur- und Mentalitätsgeschichte und zu Rezeption und ihrer Wirkung.
Gegen Peter Rein wurde ein operativer Vorgang mit ca. 600 Seiten beim MfS Erfurt mit dem Decknamen „Berlin" angelegt. Ein besonderes Augenmerk wurde bei den Recherchen darauf gelegt, ob Fotos und Tondokumente enthalten sind, die in diesem Zusammenhang der Gesamtkonzeption der Ausstellung in den jeweiligen Blöcken zugeordnet werden können. So konnten Fotos vom Zwiebelmarkt, vom Wasunger Fasching, vom Erfurter Pressefest, von Treffen in Prag, Ungarn und Rumänien hauptsächlich in der BSTU Erfurt recherchiert werden.

Die Konzipierung der Ausstellung richtete sich nach folgenden Vorgaben:

27 Ausstellungsbanner werden als Wanderausstellung konzipiert und in sieben Blöcke untergliedert. Somit sind die Blöcke einzeln zu den inhaltlich angeforderten Modulen für die schulische Bildung ausleihbar. Zusätzlich sollen die Ausstellungsblöcke in dreifacher
Ausfertigung auf Plakatfolien reproduziert werden, um so nicht nur für die breite schulische Bildung schneller verfügbar zu sein, sondern möglicherweise später auch im europäischen Zusammenhang verwendbar sein.
Die sieben Blöcke sind aus didaktischen Gründen inhaltlich sortiert, wie auch die jeweiligen einzelnen Module der Blöcke. Dadurch ist es dem Pädagogen und Bildungsträgern möglich, entsprechend der Zielgruppe mit inhaltlich unterschiedlichen Ansätzen die jeweiligen Themen zur Geschichte von Diktaturen zu bearbeiten.
Die Ausstellung ist in einzelne Roll-up-Sytemträger, nach Blöcken in thematischen Formationen geordnet. Das ermöglicht eine aufwandsgeringe Ausleihung der Ausstellungselemente und entspricht dem dynamischen Anspruch der Schulen und Bildungsträger, die einen einfachen Aufbau wünschen. Da die Ausstellung in kleineren, aber auch in großen Räumen präsentiert werden soll mit einem Veranstaltungsrahmen, ist auch mit hohen Teilnehmerzahlen bei großen Veranstaltungen zu rechnen. Da die Ausstellung bei Kooperationspartnern, die auf beträchtliche Besucherzahlen verweisen können, präsentiert wird, kann von hohen Besichtigungszahlen ausgegangen werden.

Durch das gesprochene Wort, durch Musik und Fotos, sowie vorhandene Fotomontagen und eingescannte Unikate werden in der Ausstellung spezifische Darstellungen verstärkt und untersetzt, da diese in begleitenden Hörstationen abrufbar sind. Musik bspw. ermöglicht einen Niederschwelligen Zugang zur emotionalen Seite des damals gelebten und heute noch erfahrbaren Lebensgefühls. Ebenso gibt es Musikelemente, die in Ostdeutschland und Westdeutschland, aber auch in Europa, gleichermaßen Beachtung fanden. So entstehen gemeinsame Berührungspunkte, die den Zugang zur Ausstellung erleichtern.
In der heutigen Ausstellungskultur ersetzen die Hörelemente mehr und mehr den Textabdruck. Ausstellungen mit viel Text erfordern einen sehr konzentrierten Zugang. In den Hörstationen werden die sieben Ausstellungsblöcke durch Interviewfrequenzen und Musik untersetzt. Ebenso können dort zusätzliche ausführlichere Informationen in Kommentarform abgerufen werden. Sie bestehen aus Ausschnitten der geführten Zeitzeugeninterviews, Musik/literarischen Textpassagen aus der damaligen Zeit und Materialien aus der BSTU. Als Kontrastfolie wurden aus dem Bereich der DDR-Unterhaltungsmusik und der staatlich indoktrinierten FDJ-Singeklub-Lieder Materialien zusammen geschnitten.
Die fünf Hörelemente enthalten jeweils sechs Stationen/Tracks von ca. 3 Minuten Länge. Sie sind per Knopfdruck durch zwei Kopfhörer abrufbar. Die Hörelemente sind auf Stationen montiert, die jeweils zusätzlich ein Klappbuch mit vertiefenden Materialien enthalten.

In der Web-Seite werden Zusatzmaterialien in einer Form aufbereitet, die für Schulen und Institutionen der politischen Bildung verwendbar ist. Bei der in 2007 und 2008 erarbeiteten Grundkonzeption der Ausstellung fielen eine Unmenge Materialien an, die nicht in die Ausstellungskonzeption einbezogen werden können, aus Gründen der Überfrachtung, die jedoch eine wesentliche Ergänzung für die didaktische Vermittlung von DDR-Geschichte und Repression darstellen.


Das Projekt wurde/wird von Marina Böttcher als Kuratorin/wiss. Mitarbeiterin inhaltlich gestaltet, layoutet und koordiniert und von Manager des Projektes Uwe Kulisch begleitet, der auch die Hörstationen betreut.

 

Projektbegleitender Fachrat

Das Projekt wurde von einer Begleiter- und Fachberatergruppe betreut, die nach den jeweiligen fachlichen Kompetenzen ausgesucht wurden. Aufgabe des Fachrates war, die Entwicklung und Erarbeitung des Projektes unter den jeweiligen fachlichen Komponenten zu begleiten und Kritiken und Vorschläge einzubringen. Mitglieder im Fachrat waren:Dr. Tobias Kaiser, FSU Jena; arbeitet im historischen Institut als Historiker; Dr. Andrea Herz, arbeitet bei der TLStU, Historikerin, Referentin für historische Aufarbeitung und politische Bildung, Peter-Reif Spirek, stellv. Leiter der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung, Harald Hauswald, Fotograf in Berlin, erarbeitete mehre Publikationen und Ausstellungen mit Fotos, Christina Friedrich, Lehrerin, Montessori-Schule Leipzig, Walter Schilling, Pfarrer in Ruhestand; seit 1968 maßgebliche Beteiligung an Konzeption und Aufbau der Offenen Arbeit in Thüringen in den 70er und 80er Jahren; Herausgeber und Autor; Matthias Büchner, Zeitzeuge der 70er und 80er Jahre, freischaffender Maler und Designer; Monique Förster, Geschäftsführerin des „Kultur-, Kunst- und Kommunikationszentrum e. V. - Kunsthaus Erfurt", Gestaltung, Organisation und Management von Ausstellungen; Kerstin Schnelle, Mitarbeiterin der Heinrich-Böll-Stiftung, Felix Rössger, Stud. Medienwissenschaften und Lars Wever, Stud. der Geschichte und Politikwissenschaften.


2. Konzeption der Ausstellung

2.1 Dramaturgie und Gesamtgestaltung

In narrativer Form wird Jugendlichen und Jungerwachsenen anhand des biografischen Lebenszeitraumes zweier Protagonisten Alltag in der DDR-Diktatur vermittelt. Die dargestellte Geschichte hat zwei Bezugspersonen/Sympathieträger, die in den Gruppierungen emotional verflochten sind, durch die Mütter, Schwestern und den Freundeskreis. Die 1. Bezugsperson ist der Fotograf, aus dessen Blickwinkel die verwendeten Fotografien entstanden sind und als zusätzlicher Aspekt kommt seine Art der Gestaltung der Fotoalben zum Tragen. Die 2. Bezugsperson gehört zu seinem engeren Freundeskreis und ist häufig in den Alben präsent. Die zu erzählende Geschichte ist vorrangig im Zeitraum 1973 bis 1983 angesiedelt. Hier wird durch die zwei Handlungsstränge die angestrebte Fragekompetenz durch eigene entstehende Fragen entwickelt. Der 1. Strang stellt den gelebten Alltag der Protagonisten vs. indoktrinierte Sozialkultur dar. Der 2. Strang illustriert die schleichende Zunahme der Repression, die zuerst noch als Alltag (in der Diktatur) reflektiert wird. Im Verlauf der Geschichte greift die Diktatur nachhaltig in das Leben des 2. Protagonisten ein, während der 1. weiterhin relativ unbehelligt sein Leben lebt. Der beste Freund des 2. Protagonisten verlässt 1976 mit seiner Familie die DDR, trotzdem besteht die Freundschaft weiter, über die Grenzen hinweg - bis zuletzt, obwohl dann sogar die heimlichen Treffen in Ostberlin und Prag verhindert werden. Als die Freunde, durch den Freikauf von Peter Rein aus der Haft; in der BRD wieder zusammenkommen, versuchen sie ihre Freundschaft und ihre Jugendkultur weiter zu leben.
Die Ausstellung endet mit dem unausweichlichen Repressionserleben und dem teilweisen Rückzug in das Privatleben im Freundeskreis und dem Tod eines der Protagonisten.
Die Besucherinnen und Besucher werden auf sich selbst zurückgeworfen. Kommunikation entsteht schon während der Betrachtung der anderen Blöcke. Nun erfährt diese eine Intensivierung, Fragen werden gestellt zur Relevanz für die eigene Lebenswelt.


2.3 Strukturen der Blöcke

Die Ausstellung erhält ihre Strukturierung durch die einzelnen Blöcke, die thematisch und/oder chronologisch-biografisch definiert sind.

• Block 1. Die Protagonisten werden vorgestellt, wie auch die anderen Handlungsträger. Zusammenfassung des biografischen Zeitraumes der Protagonisten im zeitgeschichtlichen Kontext
Beginn der fotografischen Zeitleiste/ die Alben werden „geöffnet"

• Block 2. Geborgen Sein
Familie, Kindheit, Schule
Im zweiten Block soll der Niederschwellige Zugang in die Thematik durch die Kindheit/Schulzeit geschehen. In ihrer Kindheit können die Protagonisten die Zusammenhänge noch nicht durchschauen, sie erleben zuerst vordergründig Geborgenheit. Die Pionierorganisation und die verplante Freizeit erscheinen als „normal", sie fühlen sich wichtig. Die Pioniergebote u. ä. werden, da man es nicht anders kennt und gemeinsam erlebt, als notwendiges Beiwerk hingenommen. Das ändert sich während des Heranwachsens.

• Block 3. Sinn - Suche
Ideale, Idole, Musik, Haare, Literatur, Kunst,Texte
Die Protagonisten begeben sich auf Sinn-Suche, sie erleben nun bewusst den Widerspruch zwischen ihren Träumen und dem real existierenden Sozialismus.
Ihr jugendlicher Hedonismus, ihre Träume, etwas besonderes sein zu wollen, stoßen auf Unverständnis und Widerstand. Sie suchen ihre Ideale woanders. Die vorgegebenen DDR-Helden können sie nicht begeistern, ebenso wenig wie die vom Staat verordnete Kultur und Musik. In der Musik bspw. finden sie eine Welt, in der sie sich verstanden fühlen.
Sie kämpfen um Freiräume. Eine starke Identifikation entwickelt sich mit den textlichen Inhalten von Udo Lindenberg: „...ich will meine Träume nicht nur träumen, ich will sie auch erleben!".
Die Kulturpolitik der DDR stellt nur das sozialistische Menschenbild in den Vordergrund, in allen Werken soll der Klassenstandpunkt zum Ausdruck kommen. Eindeutige politische Aussagen sind wichtiger als Kreativität. Die Zensur ist allgegenwärtig.
Die Erfurter Gruppe wird teilweise selbst kreativ. Letztendlich bleibt alles aber nur eine Flucht aus dem Alltag. Es herrscht Ratlosigkeit. Wer ein verbotenes Buch besitzt, kann dafür bestraft werden. Dieser Block beschäftigt sich auch mit der Literatur/Kunst, die die Erfurter Gruppe stark beeinflusste, mit der sie sich identifizieren und ihre Ideale teilweise bestätigt finden konnte.

• Block 4. Anders Sein
Lehre - Berufsalltag- die sozialistische Persönlichkeit
Die Protagonisten versuchen die ihnen entsprechende Ausbildung zu erlangen, u. a. auch durch scheinbare Anpassung und dabei trotzdem ihrer Lebensanschauung treu zu bleiben, mit unterschiedlichem Erfolg. Auch sie müssen sich den Gegebenheiten anpassen und sich von Berufswünschen verabschieden. Andererseits haben sie ein gutes Verhältnis zu den Eltern und müssen ihnen dennoch Sorgen bereiten, denn das Leben in der ANDEREN Jugendkultur ist ihnen über-lebenswichtig. „Sozialistische Persönlichkeiten" wollen sie nicht werden, sondern leben, sich beweisen. Sie erkennen die Unvereinbarkeit von Anspruch und Wirklichkeit in der Diktatur.

• Block 5. Frei Sein
Besetzung des öffentlichen Raums - On the road - Freizeitgestaltung in der Diktatur
Die Protagonisten erkennen, dass sie nicht allein sind in ihrer Sehnsucht nach Freiheit.
Zusammen mit Gleichgesinnten begeben sie sich auf die Suche, nach Geborgenheit und Nähe in einer Gruppe, nach Liebe, aber auch nach der eigenen Individualität. Sie wollen neue Lebensformen ausprobieren. Das Trampen vermittelt ihnen das Gefühl von Freiheit. Es ist die bevorzugte Art der Fortbewegung, da man Menschen kennen lernt, Kontakte herstellt, um Verständnis werben kann und kostengünstig ist es auch.
Die mittlerweile entstandene Erfurter Gruppe ist in der ganzen DDR vernetzt, organisiert Fußballtourniere und gemeinsame Wanderungen, besucht gemeinsam Konzerte und sozialistische Volksfeste. Man begeistert sich für die freie Natur und favorisiert das ursprüngliche natürliche Leben. Aber sie werden sich auch bewusst, dass sie beobachtet werden. Die „Inoffiziellen Mitarbeiter" der Stasi tauchen in der Szene auf.

• Block 6. Anders Leben
Konsequenzen in der Diktatur
Die Protagonisten müssen erfahren, wie mit Andersdenkenden umgegangen wird. Die Repressionen erfolgen mit ganz unterschiedlicher Intensität und Härte. Zumeist kommen sie völlig unerwartet. Der eingeleitete Vorgang der „Zersetzung" durch die Staatssicherheit wird nicht erkannt, ist auch nicht erkennbar. Der so genannte „Zugriff" erfolgt plötzlich, sporadisch und über längere Zeiträume hinweg. Auch die Familienmitglieder sind betroffen (Hausdurchsuchung, Gespräche mit Mitarbeitern der Kriminalpolizei und der Partei). Ihre Staatstreue wird angezweifelt.
Angst und Hilflosigkeit sind die Folge. Einen der Gruppe trifft es besonders hart. Das wird registriert und hingenommen. Die Gruppe ist gelähmt. Nun ist eine Entscheidung unumgänglich. Wer weiter macht, muss eine Einengung des Lebensalltags hinnehmen oder gar den Ausschluss aller Perspektiven und Privilegien. Die Härte des DDR-Machtapparates und die breit gefächerten Repressionsmethoden finden in diesem Block ihre Darstellung.

• Block 7. Fazit/Ausführung
Tod des einen Protagonisten, Ende der fotografischen Zeitleiste, Verweis auf die Ausdifferenzierung nachfolgender Jugendkulturen, Friedensbewegung, Umweltgruppen etc.
die Alben werden „geschlossen"


2.4 Die Hörstationen

Mittels fünf Hörstationen soll die virtuelle Darstellung der Ausstellung vertieft werden. Einzeln stehend, den jeweiligen Themengebieten beigeordnet, sollte den Besucherinnen und Besuchern auch audiovisuell durch Tondokumente ein unmittelbarer emotioneller Zugang ermöglicht werden. Durch sehr persönliche Passagen bspw. aus den Interviews mit den Müttern der Protagonisten und anderen Bezugspersonen kann dieser Zugang nachhaltig intensiviert und eine größere Nähe hergestellt werden. Der Zeitgeist kommt durch ausgewählte Musik zum Tragen, wie auch die gemeinsamen Musikvorlieben über die Grenzen hinweg. Unverzichtbar ist hier die Gegenüberstellung zu staatlich indoktriniertem DDR-Liedgut. Durch die jeweils beigeordnete Hörstation könnten die Besucherinnen und Besucher sofort auf diese vertiefende Dokumentation zugreifen und die sie interessierenden Passagen abhören.

2.4.1 Die Klappbücher

Auf den Hörstationen ist jeweils ein Klappbuch mit untersetzendem Material befestigt. Diese enthalten bspw. Erläuterungen zu Begriffen, ergänzende Egodokumente und signifikante Stasidokumente in ausführlicher Form. So kann eine Überfrachtung der Ausstellungsbanner vermieden werden. Stilisierte Symbole auf den Ausstellungsflächen verweisen auf die jeweiligen vertiefenden Informationen. Am Ende des jeweiligen Klappbuches befindet sich das Quellenverzeichnis, um das didaktische Arbeiten mit den gezeigten Materialien zu ermöglichen.


2.5 Am Ende der Ausstellungsbetrachtung

Wünschenswert wäre hier ein anschließendes Gespräch zwischen Besucherinnen und Besuchern mit einer Zeitzeugin/einem Zeitzeugen, um zeitnah die entstandenen Fragen bearbeiten zu können, Vergleiche anzustellen und gemeinsam Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Auch auf die Notwendigkeit eines reflektierenden Umgangs mit Wahrheiten und Widersprüchen von Lebensgeschichten sollte hingewiesen werden.
Ebenso angestrebt wird eine Zusammenarbeit mit den jeweiligen Bildungsträgern angestrebt. Hier können Referate zu den jeweiligen Themen/Schwerpunkten angeboten werden.
Mögliche Schwerpunkte: Toleranz, Vorurteile diskutieren, Ostalgie, Missverständnisse zwischen Ost und West, Lernen aus der Diktatur, Umgang mit Minderheiten und Andersdenkenden, Menschenrechte, Diskriminierung
Erfahrungen vergleichen
Schlussfolgerungen/ angestrebte bewusste Wahrnehmung der demokratischen Rechte und Möglichkeiten.

 

1 Wiedemann Dieter," Jugendspezifisches Kulturverhalten"; Internes Diskussionsmaterial, Leipzig 1984,S.125
Herr Wiedemann war Leiter der Abt. Massenkommunikation und Kunst am ZIJ. „Wir wissen zwar, warum es Punks, Aussteiger und die Neue Deutsche Welle in den imperialistischen Staaten gibt, aber warum es solche Erscheinungen auch im Sozialismus gibt, können wir nur unzureichend erklären".
2 Thüringer Monitor 2006; S.83
3 Ebenda S. 84
4 H/Soz/Kult; Referat von Overdick Thomas: „Lichtbild(er)-Abbild(er)-Vorbild(er): Zu Umgang und Wirkung volks- und völkerkundlicher Fotografien, Tagung in Berlin vom 05.11.2004 bis 06.11.2004